Vieles in Schwangerschafts- und Geburtsdiskursen bereitet mir Kopfschmerzen, diese Begrifflichkeit jedoch löst Brechreiz bei mir aus. “After Baby Body” – der Name ist Programm. Er klingt wie “Post Production Mode” technisch und entmenschlicht und impliziert genau das: Körper als Objekte, die nach Schwangerschaft und Geburt ein sog. “Mummy Makeover”, eine Generalüberholung, eine Reparatur brauchen.
Hinter dem Begriff “After Baby Body” verbirgt sich ein System, das Maß anlegt, Disziplin verlangt und soziale Anerkennung als Zuckerl verteilt.
Ein System, das weiblich gelesene Körper bewertet, normiert und kontrolliert. Ein System, das weiblich gelesenen Personen seit Generationen im Wesentlichen zwei Botschaften zuflüstert:
Erstens: Dein Körper ist nie gut genug.
Zu weich, zu rund, zu flach, zu eckig. Nicht weich genug, nicht rund genug, nicht flach genug, nicht eckig genug. Ein Körper, der nie einfach sein darf, sondern permanent optimiert werden soll und muss.
Zweitens: Dein Körper gehört dir nicht.
Er steht zur Verfügung. Er passt sich an, er gefällt, er schmeichelt, er ist willig. Er ist öffentliche Projektionsfläche und Ort von Machtausübung.
Der Begriff „After Baby Body“ stammt nicht zufällig aus der Diät- und Fitnessindustrie. Um ihren kapitalistischen Anspruch zu erfüllen, verkauft sie aggressiv und schamlos altbekanntes Narrativ und Versprechen: Du warst mal du. Dann warst du schwanger. Jetzt bist du aus deiner Form. Aber keine Sorge – du kannst es schaffen, wieder in deine alte Form zurückzukommen. Und falls du nicht schon in der Schwangerschaft darauf hingearbeitet hast, ist spätestens jetzt der Zeitpunkt, aktiv zu werden.
Der Subtext liest sich ungefähr so: Am besten wirst du schnell wieder schlank und begehrenswert. Aber halt! Das wäre zu offensichtlich. Also sagen wir lieber: fit, gesund und wieder du selbst. Und das, was wir gar nicht sagen, weil es zu riskant wäre:
Werde schnell wieder attraktiv, sexy, f***able, ein instagrammable Mum Body, dem man weder Schwangerschaft noch Geburt noch Muttersein ansieht.
Du findest das harten Tobak? Ich auch.
Ich nenne das explizit: Kontrolle, Beschämung und Gewalt. Eine Gewalt, bei der auch Sexualität als Machtinstrument eingesetzt wird, um weiblich gelesene Körper gefügig zu machen, ihnen ihre Selbstbestimmung und Würde zu nehmen.
Sexualisierte Gewalt ist nicht immer unmittelbar greifbar, geht jedoch tief, wirkt verheerend und äußert sich u.a. in Scham, in Rückzug, in der Entfremdung vom eigenen Körper, und oft auch in der Gewalt gegen den eigenen Körper. Wir zählen Kalorien, wiegen jedes Gramm, investieren Unsummen von Geld in Kosmetikprodukte und etablieren 5-Uhr-Morgen-Routinen, um uns in Body-Shaping-Leggings zu quetschen und unsere Körper zu schweißtreibenden Fitnessübungen anzupeitschen, während die innere Stimme den Takt vorgibt: Von nichts kommt nichts. Von! Nichts! Kommt! Nichts!
Und genau hier sind wir an einem kritischen Punkt. Ich höre die skeptischen Kommentare schon, bevor sie ausgesprochen werden: Was soll daran so schlimm sein? Jede Frau möchte doch nach Schwangerschaft und Geburt wieder so aussehen wie davor. Das ist doch ihr gutes Recht. Gewalt da mit reinzubringen – ist das nicht völlig übertrieben? Können wir nicht die Kirche im Dorf lassen?
Nein. Können wir nicht, denn zu viele relativierende Kirchen im Dorf versperren den Blick auf das, was tatsächlich passiert: Nicht die Kritik übertreibt, sondern die Beschwichtigung stabilisiert ein System, das weiblich gelesene Körper nach Schwangerschaft und Geburt normiert und ihren individuellen wie gesellschaftlichen Wert an Disziplin, Anpassung, Selbstaufgabe misst.
Dieses System funktioniert, weil wir es nicht mehr sehen. Sexualisierte Gewalt wird normalisiert und dadurch unsichtbar gemacht.
After Baby Body und sexualisierte Gewalt in einem Atemzug zu nennen, mag befremdlich wirken. Das macht es aber nicht falsch, ganz im Gegenteil. Warum nur ist dieser Zusammenhang so schwer greifbar?
- Wir lernen von klein auf, dass weiblich gelesene Körper als Allgemeingut gelten. Als Projektionsflächen, die kommentiert, bewertet und kontrolliert werden dürfen. Körper, die funktionieren sollen – für die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen anderer.
- Wir leben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt zum Alltag gehört. Sie beginnt dort, wo entwürdigend und ohne explizite Zustimmung über Körper verfügt und entschieden wird. Wenn jemand ungefragt den Bauch einer Schwangeren berührt. Wenn stillende Menschen in der Öffentlichkeit sexualisiert oder beschämt werden. Und wenn Werbung den Körper nach der Geburt als etwas darstellt, das repariert oder wiederhergestellt werden muss.
- Wir haben unser Leben lang die Information gefüttert bekommen, dass all das nichts mit sexualisierter Gewalt zu tun hat. Und genau dadurch verinnerlichen wir, dass es normal sei, wenn weiblich gelesene Körper instrumentalisiert, fremdbestimmt und ausgebeutet werden.
Hinterfragen und Verlernen ist kein einfacher Prozess, denn unsere sozio-kulturellen Prägungen sitzen tief in unseren Zellen.
Uns fehlt im wortwörtlichen Sinne oft die Sprache; wir können nicht artikulieren, was wir diffus als Grenzverletzung und Unrecht empfinden. Doch Normalisierung entschärft Gewalt nicht. Sie verschleiert sie und macht sie schwerer erkennbar. Es kostet Kraft und Anstrengung, genau hinzusehen, das vermeintlich Normale zu demaskieren und Dinge klar beim Namen zu nennen.
Doch wer jetzt beim Lesen dieses Blogartikels schon merkt: Da ist was dran – und anfängt, genauer hinzusehen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und mehr Bewusstsein in die eigene Haltung und das eigene Handeln zu bringen, macht schon einen riesengroßen Unterschied. Hilfreiche Fragen, um kritisches Hinterfragen zu trainieren und sexualisierte Gewalt zu reflektieren sind:
- Mit welcher Haltung und welchem Blick begegne ich Körpern, ob schwanger oder nicht, ob geboren oder nicht? Bin ich neugierig oder wertend, zugewandt oder kontrollierend?
- Wie spreche ich über Körper – in Gesprächen, in Kommentaren, im Alltag?
- Wie fühle ich mich in meinem Körper?
- Wie möchte ich mich in meinem Körper fühlen?
- Welche Körper gelten als richtig, wünschenswert, begehrenswert, attraktiv?
- Spiegeln Darstellungen des „After Baby Body“ die Vielfalt realer Lebens- und Körpererfahrungen wider?
- Wessen Interessen werden durch die Erzählung vom „After Baby Body“ bedient?
- Welche Akteur*innen profitieren davon, dass ein Körper, der schwanger war und geboren hat als optimierungsbedürftig dargestellt wird?
- Was passiert, wenn ich mich dem entziehe und nicht mitmache?
Eine wichtige Klarstellung zum Schluss:
Das Optimierungsprojekt “After Baby Body” hat nichts mit Beckenbodengesundheit oder der Stärkung der Körpermitte nach Schwangerschaft und Geburt zu tun. Anders gesagt: Eine gesunde postnatale Selbstfürsorge hat nichts mit diskriminierenden Schönheitsidealen zu tun.
