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Februar 26, 2026

Was ist eine selbstbestimmte Geburt? (inkl. Mini-Kompass für dich)

In vielen Geburtsdiskursen wird die „selbstbestimmte Geburt“ wie ein Label gehandelt – eng verknüpft mit fixen Idealbildern und Attributen: Hausgeburt oder Geburtshaus, „natürlich“, spontan, sanft, friedlich, möglichst ohne Interventionen und auf keinen Fall Einleitung, PDA oder Saugglocke. 

Auch ein Satz taucht mantraartig immer wieder im Zusammenhang mit der selbstbestimmten Geburt auf: „Der weibliche Körper ist zum Gebären geschaffen.“ Er wird nicht nur als Empowerment-Claim eingesetzt, sondern auch von Free-Birth-Businesses als Marketing-Slogan für die Alleingeburt benutzt, wie ich in meinem Blogartikel „Alleingeburt im Patriarchat“ beleuchte. 

Diese Zuschreibungen werden quer durch alle Kanäle gestreut und finden sich in Schwangerschaftsblogs, Kursbeschreibungen zur Geburtsvorbereitung, Infobroschüren, und Social-Media-Darstellungen. Die „selbstbestimmte Geburt“ – spontan, „natürlich”, interventionsfrei – wird zum spezifischen Maßstab stilisiert, an dem sich Gebärende messen. (1)

 

Das Wichtigste über die selbstbestimmte Geburt in Kürze

 

Eine selbstbestimmte Geburt ist weder „natürlich“ noch interventionsfrei per Definition. Sie beschreibt keine Geburtsform, sondern die Bedingungen, unter denen Geburt stattfindet: Wie groß sind Wahlfreiheit und Handlungsspielraum der Gebärenden? Beruhen Entscheidungen auf informierter Zustimmung? Findet Begleitung respektvoll auf Augenhöhe statt? Und das alles immer im Rahmen des jeweiligen Geburtskontextes – nicht gemessen an einer Idealvorstellung.

 

Warum der Begriff „selbstbestimmte Geburt” oft Druck aufbaut und in Schuld und Scham mündet

 

Schwangerschaft und Geburt sind ohnehin sensible, vulnerable Lebensphasen, in denen viele Schwangere das Gefühl haben, alles richtig machen zu müssen und nur das Beste für ihr Kind zu wollen. Die selbstbestimmte Geburt wird als fester Baustein des Narrativs einer perfekten Schwangerschaft und Geburt gehandelt und entpuppt sich oftmals zum Leistungsprojekt. Die Latte liegt irgendwo zwischen schmerzfreier Traumgeburt und „schönstem, ekstatischen Moment meines Lebens“. 

Die Vorstellung wird in der Konsequenz starr („nur so ist es richtig“), der innere Druck steigt („ich muss das schaffen“), und der Spielraum wird eng (alles, was davon abweicht, wirkt wie ein Scheitern). Wenn die Realität, aus welchen Gründen auch immer, sich jedoch anders gestaltet, ist der Fall tief und der Aufprall hart.

Die gängigen Vorstellungen von der selbstbestimmten Geburt beruhen auf einer Bedeutungsverschiebung. Indem „selbstbestimmt“ an eine bestimmte Geburtsform gekoppelt wird, wird der Begriff sprachlich zweckentfremdet. Es findet eine Normierung der “richtigen” Geburt statt, und das prägt, wie Gebärende sich erleben und bewerten. Das hat mit Selbstbestimmung so wenig zu tun wie ein Korsett mit Bewegungsfreiheit. (2)

Was ist also eine selbstbestimmte Geburt? Woran lässt sie sich festmachen, wenn nicht an der „richtigen“ Geburtsform? Und welche konkreten Schritte kannst du gehen, um eine selbstbestimmte Geburt zu erleben? 

 

Was ist eine selbstbestimmte Geburt wirklich?

 

Eine selbstbestimmte Geburt erkennt man nicht daran, wie das Kind geboren wird, sondern daran, wie mit der gebärenden Person umgegangen wird – und wie Entscheidungen zustande kommen. Sie basiert auf vier Bausteinen: Wahlfreiheit, Handlungsspielraum, informierte Zustimmung und respektvolle Begleitung:

  • Wahlfreiheit heißt, dass es echte Optionen gibt, die praktisch umsetzbar sind.
  • Handlungsspielraum heißt, dass die gebärende Person ein eigenverantwortliches Gegenüber ist und ihre Bedürfnisse, Prioritäten und Wünsche ernst genommen werden.
  • Informierte Zustimmung heißt, dass Maßnahmen nicht „einfach so“ gemacht werden, sondern auf verständlicher Aufklärung beruhen, mit Zeit zum Nachfragen und mit einem Ja, das ohne Druck und Zwang kommt.
  • Respektvolle Begleitung heißt, dass Ton, Ansprache, Berührung, Grenzen und Privatsphäre an die jeweiligen Bedürfnisse der Gebärenden angepasst werden. Die Person wird weder klein gemacht, noch beschämt, überfahren oder diskriminiert. Entscheidungen werden nicht über ihren Kopf hinweg getroffen, und so viel Mitbestimmung wie möglich bleibt auch dann erhalten, wenn medizinische Interventionen nötig werden oder es schnell gehen muss.

 

Gute Vorbereitung heißt nicht „alles steuern“, sondern Handlungsspielräume größer machen

 

Es muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden: Auf manche Bedingungen rund um die Geburt haben Gebärende realen Einfluss – auf andere kaum oder gar nicht. Eine gute Geburtsvorbereitung ist ein Prozess des Sich-vertraut-Machens, des Sich-Eingroovens auf allen Ebenen (körperlich, mental, emotional) und wirkt wie ein Sicherheitsgeländer: Sie gibt Orientierung, Sprache, Verständnis und Verbündete. Sie sollte nicht als Kontrolle über den Geburtsverlauf fehlinterpretiert, sondern als Weg zu mehr Entscheidungs-, und Handlungspielraum verstanden werden. 

Der Spielraum dehnt sich durch das Ansammeln von Wissen und Information (verstehen, nachfragen, abwägen), durch bewusste Entscheidungen über Rahmen und Begleitung (Ort, Menschen, Absprachen), durch klare Prioritäten und Kommunikation (Geburtsplan) und durch innere Vorbereitung auf Stress, Schmerz und Erschöpfung.

Gleichzeitig bleiben viele Faktoren außerhalb des eigenen Zugriffs. Personalmangel, Schichtwechsel, Klinikstandards, Zeitdruck, die Haltung einzelner Personen, Hierarchien, Notfälle oder personelle Dynamiken sind strukturelle und situative Faktoren, die sich kaum bis gar nicht beeinflussen lassen. Gute Vorbereitung kann hier keine Kontrolle versprechen, sondern vielmehr dabei unterstützen, im eigenen Rahmen handlungsfähig zu bleiben. Selbstbestimmung ist somit kein Idealbild und kein Kontrollversprechen, sondern eine Praxis von Würde und Mitentscheidung in realen Bedingungen. Wie also kannst du deine selbstbestimmte Geburt gestalten?

 

Die Basis: informierte Entscheidungen und dein subjektives Sicherheitsgefühl

 

Es geht nicht darum, dich mit geburtstechnischen und medizinischen Details zu überfrachten, sondern so viel zu wissen, dass du dich gut aufgeklärt fühlst, echte Wahlmöglichkeiten hast und dabei in dir verankert bleibst. 

Wie du dahin kommst, ist ganz individuell: Manche lesen sich durch Bücherstapel, besuchen Kurse wie Hypnobirthing oder klassische Geburtsvorbereitung, machen eine vorgeburtliche Bindungsanalyse, hören Geburtsmeditationen, schauen YouTube-Geburten, scrollen durch Schwangerschaftsblogs, tauschen sich viel mit anderen Schwangeren aus oder lassen sich von einer Doula begleiten. Andere machen von all dem wenig oder nichts, weil sie anders lernen, weniger Input brauchen oder weil zu viel Information eher verunsichert als stärkt. 

Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Passung: Was gibt dir Orientierung und Sicherheit – und was kippt in Druck und Vergleich? 

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, sich genau damit auseinanderzusetzen, wie viel und welche Art von Wissen du brauchst.

 

Der Rahmen entscheidet mit: Geburtsort, Team und Atmosphäre sind nicht dekorative Kulisse, sondern entscheidender Kontext

 

In einem weiteren Schritt geht es darum, den Geburtsort zu identifizieren, an dem du dich sicher fühlst, und im Zuge dessen für dich zu klären, was „sicher“ für dich bedeutet. Manche fühlen sich im klinischen Setting am besten aufgehoben, manche in den eigenen vier Wänden am wohlsten, wiederum andere im Geburtshaus. Es gibt kein richtig oder falsch, diese Entscheidung ist individuell.

Auch die Frage nach Kontinuität ist wichtig: Macht es für dich einen Unterschied, ob eine bekannte Hebamme dich begleitet oder ob du im Schichtdienst immer wieder neu erklären musst, was du brauchst? Und was brauchst du von deiner Begleitung ganz konkret – Ruhe, Übersetzung, Schutz, Ermutigung? Auch dein:e Partner:in kann hier eine wichtige Rolle spielen. Als Verbündete:r an deiner Seite, die/der dich stärkt, mit dir auf deine Prioritäten achtet und die Kommunikation übernimmt, wenn du selbst gerade keine Kapazität hast. 

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, möglichst bewusst zu wählen, wo und mit wem du dich getragen und sicher fühlst. 

 

Du hast ein Recht auf verständliche Aufklärung und informierte Einwilligung 

 

Geburt findet nicht im luftleeren Raum statt. Auch wenn es deine Geburt ist, geschieht sie oft in einem System, das nach eigenen Regeln funktioniert. Hierarchien, Routinen, Zeitdruck und oftmals auch eine druckvolle Art der Kommunikation bestimmen viele Klinik-Settings. Es liegt gleichermaßen an einzelnen Personen und an strukturellen Faktoren und beides wirkt zusammen. 

Genau deshalb ist es wichtig zu wissen: Du hast Rechte und einen Handlungsspielraum, du bist kein Objekt von Maßnahmen. Du darfst Informationen einholen und verstehen wollen, du darfst nachfragen, du darfst Grenzen setzen, du darfst Nein sagen oder um Zeit bitten. 

Selbstbestimmung zeigt sich nicht nur darin, was entschieden wird (Einleitung ja/nein, PDA ja/nein, etc.), sondern auch darin, wie du dabei behandelt wirst und was du konkret erlebst. Dein Geburtssetting – in der Klinik genauso wie im Geburtshaus oder im eigenen Zuhause – ist ein Ort, an dem Macht verhandelt wird, und zwar über Tempo, Ton, Berührung, Ansprache. Wenn Druck, Sprache oder Berührung sich nicht stimmig anfühlen, darfst du Stopp oder Nein sagen, um Erklärung bitten und Grenzen benennen. Egal in welchem Kontext du dich befindest, es geht immer um deine Sicherheit und um die Wahrung deiner Würde und Grenzen.

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, deine Patient:innenrechte zu kennen. 

 

Ist ein Geburtsplan sinnvoll?

 

Absolut – aber nicht als starres Drehbuch für deine Geburt, sondern als deine Orientierungshilfe und dein Kommunikationswerkzeug. Zum einen hilft dir die Erstellung deines Geburtsplans, vorab zu klären, was dir wichtig ist, was du brauchst, um dich sicher zu fühlen, und wo deine Grenzen liegen. Viele Schwangere setzen sich dabei zum ersten Mal wirklich intensiv mit ihrem Geburtssetting und dem konkreten Geburtskontext auseinander und es entsteht eine innere Landkarte für ihre Geburt: Wie laufen Dinge am gewählten Geburtsort üblicherweise ab, welche Routinen und Spielräume gibt es, wer entscheidet was, und was kann ich beeinflussen und was eher nicht? 

Genau dadurch tauchen Fragen auf, die dich nochmal Informationen einholen lassen, Gespräche anstoßen und vage Vorstellungen in etwas Greifbares verwandeln. Aus vielen einzelnen Infos wird ein klareres Gesamtbild. Du verstehst, wie dein Setting funktioniert und kannst dich darin besser orientieren und mitentscheiden.

Zum anderen ist der Geburtsplan dein Kommunikationswerkzeug. Er unterstützt dein Geburtsteam dabei, deine Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen zu verstehen, ohne dass du alles immer wieder neu erklären musst. Er macht sichtbar, was dir wichtig ist, welche Grenzen du hast und wie du angesprochen und begleitet werden möchtest, besonders hilfreich in Momenten, in denen du selbst wenig Kapazität zum Reden hast.

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, deinen Geburtsplan als innere Landkarte und Kommunikationshilfe zu nutzen.

 

Was und wer hilft dir, auch unter größter Anstrengung und starkem Schmerz bei dir zu bleiben?

 

Deine selbstbestimmte Geburt ist nie nur reine Kopfsache, sondern auch eine Nervensystem-Sache. Wenn Schmerz, Angst und Müdigkeit intensiv werden, verschieben sich deine Kapazitäten dich zu regulieren, zu denken, abzuwägen und zu entscheiden. Dein Körper schaltet in den Stress/Notfallbetrieb und greift eher auf verinnerlichte und automatisierte Bewältigungsstrategien zurück, anstatt sich der Umwelt zuzuwenden. Dein Körper reagiert auf maximale Belastung und in solchen Momenten verschieben sich auch dein Körpergefühl, deine Grenzwahrnehmung und deine Fähigkeit, sie zu vertreten. (3)

Genau an diesem Punkt kann (Selbst-)Fürsorge die selbstbestimmte Entscheidung sein, also nicht noch mehr auszuhalten, sondern gezielt für Entlastung sorgen. Eine Pause, beruhigende Begleitung, ein Positionswechsel oder auch Schmerzmedikation – all diese Interventionen können dir Handlungsfähigkeit und Sicherheit zurückgeben. 

Entscheidend ist hierbei, das Zurückgreifen auf Schmerzmittel oder andere geburtshilfliche Interventionen von moralischen Idealen zu entkoppeln. Eine geburtshilfliche Intervention ist nicht automatisch mit Gewalt gleichzusetzen. Sie kann vielmehr auch Ausdruck von Selbstbestimmung sein, wenn sie auf informierter Mitsprache und Zustimmung der Gebärenden beruht und ihr im weiteren Geburtsverlauf Orientierung und echte Mitentscheidung ermöglicht, statt eine Idealvorstellung von einer natürlichen und interventionsfreien Geburt zu bedienen. Zugleich sage ich ausdrücklich: Gewalt in der Geburtshilfe zeigt sich auch in Form von Interventionen. Gerade deshalb darf keine Intervention vorschnell als notwendig oder harmlos gelten, sondern muss differenziert, kritisch und im jeweiligen Kontext bewertet werden – auch anhand fachlicher Leitlinien, die ihren Einsatz unter bestimmten Voraussetzungen rahmen, begrenzen und von einzelnen Praktiken ausdrücklich abraten.

Auch aktiv um Fürsorge und Co-Regulation zu bitten („ich möchte, dass du meine Hand hältst“, „ich möchte, dass du meinen Arm berührst“, „ich möchte mich bei dir anlehnen“, etc.) kann extrem hilfreich und wertvoll sein. Selbstbestimmung heißt nicht, alles alleine zu schaffen, sondern Begleitung zu haben, die für dich da ist, die sich an dir orientiert und die dich ernst nimmt. Das kann dein:e Partner:in, Freund:in, Hebamme, Bekannte oder Doula sein; entscheidend ist, dass ihr euch kennt und vertraut.

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, in der Intensität Fürsorge zu wählen, die dich stabilisiert und handlungsfähig hält.

 

Wenn es anders kommt: Kann eine „unplanmäßige“ Geburt selbstbestimmt sein?

 

Ganz eindeutig: ja. Deine selbstbestimmte Geburt hängt nicht daran, ob es am Ende eine spontane Geburt, eine Einleitung oder eine Bauchgeburt wird, sondern daran, ob du im Prozess Würde, das Gefühl von Sicherheit und Mitentscheidung behältst. Es geht darum, wie mit dir gesprochen wird, wie Entscheidungen erklärt werden, ob du gefragt wirst, ob du Zeit bekommst, ob du dich gehalten und sicher fühlst. 

Genau deshalb ist es so wichtig, wirklich zu begreifen: Selbstbestimmung ist nicht an eine normierte und romantisierte Idealvorstellung von Geburt gebunden, sondern daran, dass du gesehen, informiert und beteiligt wirst.

Wenn die Geburt sich anders als gewünscht gestaltet, ist es wichtig, dass du nicht auf den Beifahrersitz rutschst, sondern am Steuer bleibst – selbst und gerade dann, wenn es schnell gehen muss. 

Praktisch heißt das: Du oder deine Begleitperson sorgt dafür, dass klar benannt wird, was jetzt warum passiert, und dass ihr anschließend priorisiert, was dir in diesem Moment am wichtigsten ist. Wenn es kein akuter Notfall ist, kann bewusste Entschleunigung enorm helfen: kleine Pausen, langsame Sprache, Wiederholen. In jedem Fall kann es einen großen Unterschied machen, wenn eine Person an deiner Seite mit dir sortiert, nachfragt und darauf achtet, dass du im Prozess beteiligt bleibst.

Wie du die Geburt erlebst, wirkt in die Zeit danach hinein und beeinflusst, wie du deine Geburt interpretierst und in dein Leben integrierst. Wenn du dich als beteiligt und handlungsfähig erlebt hast, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Erinnerung von Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Übergriff geprägt ist und in Scham, Schuld und Selbstvorwürfen mündet. 

Es gibt kein Versprechen für die ideale, perfekte Geburt. Dein Handlungsspielraum ist das, was zählt. Und soll ich dir was sagen? Viele beschreiben ihre Geburt dann als ‚perfekt‘, wenn sie sich informiert, gefragt und beteiligt gefühlt haben – auch wenn nicht alles nach Plan lief.

 

Selbstbestimmung heißt an dieser Stelle, deinen Handlungsspielraum im Prozess zu schützen – unabhängig vom Ausgang – damit du dich gesehen, informiert und beteiligt erlebst, statt im Nachhinein mit Ohnmacht, Scham und Selbstvorwürfen zurückzubleiben.

 

Dein Minikompass für deine selbstbestimmte Geburt

Die folgenden fünf Fragen können dir helfen, bei Vorbereitung und Geburt in einer selbstbestimmten Position zu bleiben: 

  • Das Ziel klären: Was ist der Zweck?
  • Optionsräume öffnen: Welche Alternativen gibt es?
  • Trade-Offs benennen: Welche Risiken/Nebenwirkungen sind relevant?
  • Zeit als Ressource mit ins Spiel bringen: Was passiert, wenn wir abwarten?
  • Dringlichkeit sortieren: Wie dringend ist es wirklich?

Diese Fragen kann selbstverständlich auch deine Begleitperson stellen, wenn du selbst gerade keine Kapazität hast.

 

 

FAQ: Häufig gestellte Fragen zur selbstbestimmten Geburt

Ist selbstbestimmt automatisch "natürlich"?

Nein. Selbstbestimmt heißt nicht automatisch „natürlich“ oder interventionsfrei, sondern: Du wirst gut aufgeklärt, triffst informierte Entscheidungen und behältst so viel Mitentscheidung und Würde wie möglich – egal ob mit oder ohne Interventionen.

Brauche ich wirklich einen Geburtsplan?

Du musst keinen haben – aber er kann sehr hilfreich sein. Ein Geburtsplan dient deiner Orientierung und ist dein Kommunikationswerkzeug. Er unterstützt dein Geburtsteam dabei, dich schnell zu verstehen, besonders wenn du gerade nicht viel sprechen kannst.

Was, wenn ein Krankenhaus für meine Wünsche kein Verständnis hat?

Wenn eine Klinikgeburt deine Wahl ist, lohnt es sich, im Vorfeld eine Klinik zu suchen, die deine Wünsche bestmöglich respektiert und in der du den Eindruck hast, ernst genommen zu werden. Zugleich muss klar benannt werden: Aufgrund struktureller Gewalt haben viele Gebärende gar nicht die Wahl zwischen mehreren guten Optionen oder unterschiedlichen Geburtsszenarien. Dann geht es nicht darum, die perfekte Klinik zu finden, sondern die, in der du dich unter den gegebenen Umständen am sichersten fühlst. Umso wichtiger ist es, dir eine Begleitung zu organisieren, die dich stärkt, mit dir nachfragt und deine Anliegen ruhig mitträgt.

Was ist, wenn mein:e Partner:in und ich unterschiedliche Vorstellungen haben?

Dann lohnt es sich, das nicht erst im Kreißsaal auszutragen. Sprecht vorher darüber, was euch jeweils wichtig ist, wo eure Ängste liegen und was euch Orientierung gibt, wenn es stressig wird. Klärt außerdem Rollen: Wobei soll dein:e Partner:in dich aktiv unterstützen (z. B. nachfragen, abschirmen, erinnern, beruhigen) und was soll sie/er eher nicht übernehmen? Und wenn ihr merkt, dass ihr allein nicht zusammenkommt, kann ein gemeinsames Gespräch in der Geburtsvorbereitung, mit Hebamme oder mit einer Doula helfen, damit ihr in entscheidenden Momenten als Team handelt, auch wenn ihr nicht in allem gleich tickt.

Wie bereite ich mich vor, ohne in Perfektionsdruck zu kippen?

Indem du deine Vorbereitung als Erweiterung deines Handlungsspielraums verstehst, nicht als Kontrolle. Sammle nur so viel Information, dass du dich sicher fühlst, und hör auf, sobald es dich in Vergleich, Grübeln oder Druck schiebt. Konzentrier dich auf das, was dich handlungsfähig macht: gute Aufklärung einfordern können, deine Grenzen benennen können, und eine Begleitung haben, die mit dir nachfragt, wenn du selbst gerade keine Kapazität hast. Behalte einen realistischen Blick auf Geburt. Pläne können sich ändern – nicht als Scheitern, sondern als Teil von Geburt.

Quellenangaben

(1) Pampers schreibt: „Für viele Frauen ist eine natürliche, selbstbestimmte Geburt wichtig (…)“, und: „Natürlich gebären heißt für viele Frauen, eine selbstbestimmte Geburt ohne unerwünschte Fremdeinwirkung zu erleben.“ Das ist nicht nur eine lose Assoziation, sondern eine semantische Verschmelzung von natürlich und selbstbestimmt.

Pampers (2022): Die natürliche (spontane) Geburt. Pampers, 03.02.2022. Verfügbar unter: pampers.de/schwangerschaft/geburt/artikel/natuerliche-geburt. Zugriff: 15.02.2026.

 

Im Eltern Magazin Artikel „Selbstbestimmte Geburt: 3 Tipps für Schwangere“ heißt es im Abschnitt „Was bedeutet selbstbestimmte Geburt?“: „Die meisten Gebärenden wünschen sich eine möglichst natürliche Geburt aus eigener Kraft.“ Das ist keine definitorische Eins-zu-eins-Formel wie bei Pampers, aber es rahmt den Begriff „selbstbestimmte Geburt“ unmittelbar über das Ideal der möglichst natürlichen Geburt.

Im selben Text wird außerdem formuliert, man solle dem Körper vertrauen, „(...) dass unser Körper genau weiß, was zu tun ist, wenn wir ihn selbstbestimmt machen lassen“. Auch das verstärkt die Kopplung von Selbstbestimmung mit einem physiologischen, möglichst ungestörten Geburtsverständnis.

Ballerstädt, Julia (2023): Selbstbestimmte Geburt: 3 Tipps für Schwangere. ELTERN, 27.11.2023. Verfügbar unter: eltern.de/schwangerschaft/selbstbestimmte-geburt--3-tipps-fuer-schwangere-13433344.html. Zugriff: 15.02.2026.

 

familie.de schreibt über das Geburtshaus: Es sei ideal für Frauen, die „(...) eine naturnahe, selbstbestimmte Geburt in geborgener Atmosphäre wünschen.“ Das ist keine strikte Definition, aber sprachlich werden „naturnah“ und „selbstbestimmt“ hier direkt als zusammengehöriges Set angeboten.

Zahn, Angelika (2025): Wann ist die Geburt im Geburtshaus die richtige Entscheidung für dich und dein Baby?familie.de, 28.02.2025. Verfügbar unter: https://www.familie.de/schwangerschaft/geburt/entbindung-im-geburtshaus/. Zugriff: 15.02.2026.

 

(2) Der Duden definiert „Selbstbestimmung“ in seiner Hauptbedeutung als: „Unabhängigkeit des bzw. der Einzelnen von jeder Art der Fremdbestimmung (z. B. durch gesellschaftliche Zwänge, staatliche Gewalt)“.

Dudenredaktion (o. J.): Selbstbestimmung. Duden online, verfügbar unter: duden.de/rechtschreibung/Selbstbestimmung. Zugriff: 17.02.2026.

 

(3) Dami Charf, Trauma-Expertin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, beschreibt, dass eine starke Belastung das Nervensystem in Überlebensreaktionen bringen kann und dass Reflexion, Kontakt und soziale Interaktion dann erschwert sein können.

Charf, Dami (o. J.): Was ist ein Trauma? Traumaheilung. Verfügbar unter: https://traumaheilung.de/was-ist-ein-trauma/. Zugriff: 17.02.2026.

Nadine Birner

ist feministische Doula und Coachin. Sie unterstützt Schwangere und Gebärende dabei, ihren eigenen Weg zu finden – jenseits von Klischees, Anpassungsdruck und den üblichen Standards. Ihre Arbeit verbindet persönliche Begleitung mit feministischer Aufklärung und schafft Räume, in denen sich Schwangere und Gebärende sicher, verstanden und gestärkt fühlen.