Martina Kruse ist (Familien-)hebamme, systemische Beraterin und traumazentrierte Fachberaterin.
Sie begleitet Personen rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Elternwerden und ist besonders dann Ansprechpartnerin, wenn frühere Erfahrungen, eine belastende Geburt oder der Start mit dem Kind schwerer wiegen als erwartet. Darüber hinaus berät sie geburtshilfliche Fachkräfte, die belastende Geburten begleitet haben und das Erlebte einordnen und verarbeiten möchten.
Martina Kruse hat drei Fachbücher herausgebracht:
Trauma und Gewalt in der Geburtshilfe: Ein Handbuch für Fachkräfte (2024, zusammen mit Katharina Hartmann)
Gewalt in der Geburtshilfe: Erkennen > reflektieren > handeln (2022, zusammen mit Katharina Hartmann)
Traumatisierte Frauen begleiten: Das Praxisbuch für Hebammen, Geburtshilfe und Frühe Hilfen (2017)
Sie bietet außerdem Fortbildungen in Traumakompetenz und traumasensiblen Begleiten von Schwangerschaften, Geburten und im Wochenbett an.
Die Fragen in diesem Interview sind bewusst aus der Ich-Perspektive formuliert. Sie greifen Gedanken und Unsicherheiten auf, die schwangere Personen beschäftigen können, und geben ihnen eine konkrete Stimme: Darf ich das fragen? Ist mein Anliegen wichtig genug? Muss ich mich erklären?
Ich habe Angst vor der Geburt, weiß aber nicht, ob das „normal“ ist oder ob mehr dahintersteckt. Wie kann ich das unterscheiden?
Grundsätzlich ist Angst erst einmal Angst, egal ob oder was dahintersteckt. Gemeinsam mit einer vertrauten oder fachkundigen Person kann erkundet werden: Was genau macht dir Angst? Welche Erfahrungen, Bilder oder Unsicherheiten spielen dabei eine Rolle? Und was brauchst du, damit die Angst weniger mächtig wird und du dich wieder sicherer und handlungsfähiger fühlst?
Was kann ich tun, wenn mir bestimmte Untersuchungen, Berührungen oder der Gedanke an Kontrollverlust große Angst machen?
Es kann hilfreich sein, dass du dir vorab überlegst, welche Situationen dir Angst machen oder das Gefühl von Unsicherheit in dir auslösen könnten. Gemeinsam mit den Fachkräften kann dann besprochen werden, was vermieden, verändert oder so gestaltet werden kann, dass mehr Sicherheit für dich entsteht.
Ist eine Bauchgeburt eine sinnvolle Option, wenn ich große Angst vor einer vaginalen Geburt habe?
Die Entscheidung für eine Bauchgeburt kann eine Möglichkeit sein, allerdings kann auch ein Kaiserschnitt mit besonderen Herausforderungen verbunden sein. Auch hier kann ein Gefühl von Ausgeliefertsein oder Kontrollverlust entstehen.
In jedem Fall sollte mit einer Vertrauensperson gut überlegt werden, was für Sorgen mit der einen oder anderen Geburtsart verbunden sind und was helfen kann, um diesen Herausforderungen zu begegnen.
Ich habe sexualisierte Gewalt erlebt. Muss ich das meiner Hebamme, meiner*m Ärzt*in oder im Krankenhaus sagen? Und wenn ja: Wie viel muss ich erzählen?
Grundsätzlich ist es eine sehr persönliche Entscheidung, sich jemandem mitzuteilen: du musst gar nichts. Die Information über frühere Gewalt kann sehr hilfreich für das geburtshilfliche Personal sein und vielleicht auch für dich. Gemeinsam kann überlegt werden, was das für die Betreuung bedeutet und welche konkreten Rücksichtnahmen sinnvoll sind. Menschen haben in der Regel ein ganz gutes Gespür dafür, ob das Gegenüber die Information hören und verantwortungsvoll damit umgehen kann – trau deinem Bauchgefühl!
Wie kann ich mich auf eine Geburt vorbereiten, wenn ich schlechte Erfahrungen mit medizinischen Untersuchungen, Kliniken oder Autoritätspersonen gemacht habe?
Erst einmal tut es mir sehr leid, wenn du schlechte Erfahrungen machen musstest. Es kann hilfreich sein, ausgehend von diesen Erfahrungen zu überlegen: Was wurde als belastend oder verletzend erlebt? Was war vielleicht auch hilfreich und soll beibehalten werden? Wenn ich erlebt habe, dass gegen meinen Willen gehandelt wurde, kann die Frage wichtig sein: Was brauche ich bei dieser Geburt, um mich ernst genommen und sicher zu fühlen?
Diese Gedanken können aufgeschrieben und zum Anmeldegespräch mitgenommen werden. Eine Kopie kann im Schwangerschaftspass liegen. Auch die Begleitperson sollte informiert sein, damit sie Wünsche und Grenzen kennt und sie gegebenenfalls ansprechen kann, wenn man selbst dazu gerade nicht in der Lage ist.
Was würdest du einer schwangeren Person sagen, die denkt: „Ich stelle mich an, andere haben viel Schlimmeres erlebt“?
Niemand stellt sich an – jede Person versucht immer das Beste zu geben und zu tun, was sie kann! Die eigene Wahrnehmung ist immer wichtig, Gefühle und Empfindungen geben uns wichtige Hinweiszeichen. Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, ist es genau so schlimm, wie ich es empfinde!
Was darf ich unter der Geburt ablehnen?
Grundsätzlich darf auch unter der Geburt nichts getan werden, zu dem keine Einwilligung gegeben wurde. Meine Grundüberzeugung ist es, dass Eltern immer wollen, dass es auch den Kindern gut geht, keine*r möchte dem Kind schaden.
Manche Interventionen sind im Laufe der Geburt vielleicht notwendig, die man eigentlich gar nicht möchte. Dann ist es wichtig, die passenden Informationen zu bekommen, die dir helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen.
Ich persönlich finde den Fragekatalog VRANNI (als Safety Card bei Traum(a) Geburt e.V. herunterzuladen) hier sehr hilfreich. Das Akronym steht für:
Wie kann meine Begleitperson mich unterstützen, wenn ich selbst in dem Moment nicht gut für mich einstehen kann?
Eine Begleitperson kann unterstützen, indem sie frühzeitig einbezogen wird, VRANNI kennt und mit den Geburtswünschen sowie den Absprachen vertraut ist. Ebenso wichtig ist, gemeinsam zu besprechen, wobei sie sich sicher fühlt, welche Aufgaben sie übernehmen möchte und wo auch ihre Grenzen liegen.
Wie gehe ich damit um, wenn andere mir ständig Horror-Geburtsgeschichten erzählen?
Gib gut auf dich acht. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn du freundlich aber bestimmt unterbrichst und bspw. sagst, dass die Geschichte gerade nicht hilfreich ist und eher Angst auslöst.
Jede Geburt ist einzigartig und kommt auch nur ein einziges Mal vor. Wenn also trotz Bitte weitererzählt wird, darfst du dir sagen: deine Geburt ist schon gewesen, meine wird ganz sicher anders.
Ab wann ist eine Geburt traumatisch? Wer entscheidet, ob eine Geburt traumatisch ist?
Trauma ist ein großes Wort, hierfür gibt es in der Diagnosestellung klare Kriterien. Für jeden Menschen ist es aber individuell verschieden. Wichtig ist das eigene Erleben. Wenn etwas für mich traumatisch ist, ist es so.
Eine schwierige Erfahrung führt nicht automatisch zu einer langfristigen Traumafolgestörung. In der ersten Zeit danach können Schlafprobleme, starke Anspannung, wiederkehrende Erinnerungen, Ängste oder das Gefühl, neben sich zu stehen, zunächst normale Reaktionen auf eine außergewöhnliche Belastung sein. Erst, wenn die Symptome lange anhalten, spricht man von Traumafolgestörungen.
Was kann ich nach einer belastenden oder traumatischen Geburt tun, wenn mich das Erlebte nicht loslässt?
Das ist sehr individuell. Schau, was dir gut tut. Der einen Person hilft es, aufzuschreiben, was passiert ist, um mehr Klarheit zu bekommen, die andere möchte erzählen, die dritte vielleicht überhaupt nicht. Pausen und Entlastung tun auf jeden Fall den meisten gut. Wichtig ist es auch, für sich anzuerkennen, dass etwas Schwieriges passiert ist, das belasten darf. Wann, mit wem und mit welchem Ziel darüber gesprochen wird, entscheidet die betroffene Person allein.
Ein Geburtsbericht kann hilfreich sein, um Erinnerungslücken zu schließen und Abläufe im Nachhinein besser einzuordnen. Da medizinische Dokumentationen häufig in einer schwer verständlichen Fachsprache verfasst sind, kann es eine gute Idee sein, den Bericht gemeinsam mit einer Hebamme oder einer anderen fachkundigen Person zu lesen.
Viele Kliniken bieten außerdem Geburtsnachgespräche an. Vorab kann es hilfreich sein, zu überlegen: Was wünsche ich mir von diesem Gespräch? Möchte ich Abläufe verstehen, Fragen klären, Verantwortung benennen oder mit meiner Wahrnehmung ernst genommen werden?
Fazit: 3 wichtige Impulse aus dem Interview mit Martina Kruse
Aus dem Interview mit Martina kannst du viele wichtige Anregungen für deinen Weg zu einer selbstbestimmten Geburt mitnehmen. Drei Gedanken möchte ich dabei besonders in den Vordergrund rücken:
