Wir sind alle mehr oder weniger vertraut mit dem Bild der über der Kloschüssel knienden Schwangeren, die sich übergibt. Filme füttern uns seit ein paar Jahrzehnten mit diesem klischeehaften Motiv und das Publikum weiß meist sofort: aha, schwanger!, noch bevor das Drehbuch zum selben Schluss kommt.
Neben dem Ausbleiben der Menstruationsblutung gehört Schwangerschaftsübelkeit für viele Schwangere zu den ersten spürbaren Anzeichen einer Schwangerschaft.
Schwangerschaftsübelkeit kann kommen und gehen, kann als ein leichtes Übel oder eine unerträgliche Beschwernis empfunden werden, sie kann nerven bis belasten. Manche Schwangere verspüren ein leichtes Unwohlsein, das gut handhabbar ist, und für andere Schwangere bedeutet ihre Schwangerschaftsübelkeit eine sehr belastende, sehr einschränkende Bürde im Erleben und im Alltag.
Ob leicht oder schwer, lass uns das genauer ansehen: Was hat es mit der Schwangerschaftsübelkeit auf sich? Woher kommt sie und was kann dir als Betroffene helfen?
Schwangerschaftsübelkeit kommt häufig vor und ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Für manche ist sie eine unangenehme Begleiterscheinung, für andere bedeutet sie einen erheblichen Leidensdruck und deutliche Einschränkungen im Alltag.
Du darfst deine Schwangerschaftsübelkeit in jedem Fall ernst nehmen und frühzeitig für Entlastung und Unterstützung im Alltag sorgen, ganz unabhängig davon, was dein Umfeld sagt oder welche gut gemeinten Ratschläge dir begegnen.
Wenn deine Übelkeit stärker wird, du häufig erbrichst, Gewicht verlierst oder Essen und Trinken kaum noch möglich sind, lass sie bitte medizinisch abklären. Dann könnte es sich um Hyperemesis Gravidarum handeln; das ist eine schwere Form von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft, die medizinische Begleitung und eine passende Behandlung braucht.
Was ist Schwangerschaftsübelkeit?
Schwangerschaftsübelkeit zeigt sich individuell sehr unterschiedlich. Vielleicht ist dir flau im Magen, vielleicht ekelst du dich plötzlich vor Lebensmitteln, die du sonst gern gegessen hast, vielleicht wird dir beim Geruch von Kaffee, Parfum, Zahnpasta, Kühlschrankluft oder gebratenen Zwiebeln schlagartig schlecht. Vielleicht musst du dich übergeben, vielleicht auch nicht, und trotzdem fühlst du dich den ganzen Tag über elend. Manchmal kommt Appetit dazu, aber nur auf bestimmte Dinge, wie z. B. Tiefkühlpizza, Nudeln mit Tomatensoße, Melone oder trockenes Brot. Um alles andere machst du einen weiten Bogen.
Und dann gibt es noch eine fiese Variante von Schwangerschaftsübelkeit, bei der du Hunger hast, aber Essen dir schwer fällt, weil du nicht weißt, ob es die Übelkeit besser oder schlimmer macht. Dein Körper meldet Bedarf an, aber dein Magen stellt sich quer. Im schlimmsten Fall bekommst du keinen Bissen hinunter, was die Übelkeit wiederum verstärkt und andere Symptome, wie z. B. Kopfschmerzen, begünstigt. Ein Teufelskreis entsteht.
Wenn dir (permanent) schlecht ist, siehst du dich damit konfrontiert, deinen Alltag umzustrukturieren. Du planst Wege danach, wo Toiletten sind. Du schreibst Einkaufslisten täglich oder wöchentlich um. Du sagst Verabredungen ab, verschiebst Termine. Du brauchst mehr Pausen und Unterstützung. Du liegst auf dem Sofa und fragst dich, warum sich etwas, das angeblich so normal ist, so belastend anfühlen kann.
Es ist absolut wichtig für dich zu wissen, dass dein Erleben von Schwangerschaftsübelkeit von nichts und niemandem im Außen gemessen oder bewertet werden kann und soll. Niemand hat das Recht, dir zu erklären, dass es „doch gar nicht so schlimm“ sei oder “dass du das bisschen Morgenübelkeit doch mit links wegsteckst.” Niemand hat die Befugnis, dein Empfinden kleinzureden, zu relativieren oder abzutun.
Der Mythos “Morgenübelkeit”...
… hält sich hartnäckig, obwohl viele Schwangere Übelkeit nicht nur morgens, sondern über den Tag verteilt oder sogar dauerhaft erleben. Für manche Schwangere trifft es zu und sie fühlen sich morgens unwohl, kommen langsam in den Tag und die Übelkeit flaut recht schnell ab. Für andere ist Schwangerschaftsübelkeit sehr viel mehr als die Zeit zwischen Aufwachen und Zähneputzen.
Manchmal sind die Abendstunden herausfordernd, manchmal verändert es sich von Woche zu Woche und manchmal zeigt sich die Übelkeit so beständig, dass viele Schwangere sich fragen, wie sie durch den Alltag kommen sollen.
Sie kann morgens da sein, mittags, abends oder nachts. Sie kann in Wellen kommen oder sich wie ein zäher Nebel über den ganzen Tag legen. Sie kann beim Essen, beim Kochen, beim Öffnen des Kühlschranks, beim Busfahren, beim Arbeiten, beim Riechen von bestimmten Gerüchen oder auch ohne erkennbaren Auslöser auftreten.
Wann beginnt die Übelkeit in der Schwangerschaft – und wann hört sie wieder auf?
Schwangerschaftsübelkeit beginnt häufig ziemlich früh, oft bereits zwischen der 4. und 7. Schwangerschaftswoche. Also in einer Zeit, in der manche noch gar nicht sicher wissen, dass sie schwanger sind, aber körperliche Veränderungen bemerken. (1)
Bei vielen Schwangeren ist die Übelkeit im ersten Trimester am stärksten. Häufig wird sie um die 9. bis 12. Schwangerschaftswoche herum besonders intensiv und lässt danach langsam nach. Für viele wird es ab der 14. bis 16. Woche besser, bei manchen erst um die 20. Woche.
Schwangerschaftsübelkeit kann früher kommen, später gehen, zwischendurch besser werden und dann wieder aufflammen. Manchmal verändert sie ihre Form und zunächst ist dir den ganzen Tag über übel, mit fortgeschrittener Schwangerschaft nur noch abends. Oder du musst dich nicht mehr übergeben, aber bestimmte Gerüche katapultieren dich trotzdem innerhalb von Sekunden zurück ins Elend.
Und dann gibt es auch noch Hyperemesis Gravidarum. Während Schwangerschaftsübelkeit häufig vorkommt und für viele zwar belastend, aber medizinisch zunächst unbedenklich ist, handelt es sich bei Hyperemesis Gravidarum um eine schwere Schwangerschaftserkrankung, die medizinisch begleitet werden muss.
Weiter unten im Artikel gehe ich ausführlicher auf Hyperemesis Gravidarum ein.
Ist Schwangerschaftsübelkeit normal?
Ja, Schwangerschaftsübelkeit ist normal in dem Sinne, dass sie sehr häufig vorkommt. Aus meiner Praxiserfahrung als Doula weiß ich, dass viele Schwangere Übelkeit, Ekel, Würgereiz oder Erbrechen, vor allem im ersten Trimester erleben. Auch die evidenzbasierte medizinische Leitlinie The Management of Nausea and Vomiting in Pregnancy and Hyperemesis Gravidarum hält fest, dass Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft bis zu 90 Prozent aller Schwangeren betreffen können. (2)
Mir ist wichtig, an dieser Stelle zu sagen, dass nur weil Schwangerschaftsübelkeit häufig vorkommt, du nicht hinnehmen musst, dass sie automatisch als Zipperlein kleingeredet wird, das stillschweigend ertragen werden muss. Um es ganz deutlich zu sagen: Schwangerschaftsübelkeit ist in jedem Fall ernst zu nehmen und kann deinen Alltag massiv beeinflussen. Dein Essverhalten, deine Arbeit, deine Energie und Konzentration, deine Stimmung, deine Beziehungen, deine Fähigkeit, gut für dich selbst zu sorgen oder dich um andere zu kümmern, können darunter leiden.
Deshalb darfst du gut auf dich und deinen Bedürfnisse achten und dir Unterstützung mit ins Boot holen. Inspirationen dazu findest du weiter unten.
Welche Ursachen haben Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft?
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Ursachen von Schwangerschaftsübelkeit sind bislang nicht vollständig geklärt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es nicht die eine Ursache gibt, sondern Schwangerschaftsübelkeit vielmehr durch ein Zusammenspiel verschiedener körperlicher Veränderungen in der Schwangerschaft entsteht:
Wir können festhalten, dass Schwangerschaftsübelkeit erforscht wird, aber ihre Ursachen noch nicht abschließend geklärt sind.
Was wir jedoch sehr klar sagen können ist, dass Schwangerschaftsübelkeit weder Einbildung, noch Charakterschwäche, noch Zeichen dafür ist, dass du dich „anstellst“ oder „überempfindlich bist“. Dein Körper reagiert auf massive Veränderungen und wie stark diese Reaktion ausfällt, ist individuell sehr unterschiedlich.
Was hilft gegen Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft? 19 Standard-Tipps
Alle Artikel zu Schwangerschaftsübelkeit haben Tipps, wie du am besten mit ihr umgehen kannst. Du findest quer durch Apotheken Umschau, AOK, KKH, Familienplanung.de, Embryotox und diversen Blogs immer wieder ähnliche Empfehlungen, die ich hier auch nochmal für dich zusammengefasst habe:
Diese klassischen Empfehlungen können helfen, sie müssen aber nicht helfen. Embryotox nennt Ingwer, Akupunktur/Akupressur und die Einnahme von Vitamin B6 als Optionen, weist aber auch darauf hin, dass die Studienlage uneinheitlich ist und diese Maßnahmen eher Übelkeit reduzieren können, nicht unbedingt Erbrechen. (6) Wenn also alles nichts hilft und das einzige, was du in schweren Tagen essen und bei dir behalten kannst, salzige Pommes, Vanilleeis oder Gurkenscheiben sind, dann go for it!
Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass es selbstverständlich ratsam ist, auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung zu achten, insbesondere auch in der Schwangerschaft. Falls es jedoch aufgrund von Schwangerschaftsübelkeit zu Geschmacksverschiebungen, und -unverträglichkeiten kommt, tust du gut daran, genügend Flexibilität in deinen Speiseplan zu bringen und dich auf die veränderte Situation entsprechend einzuschwingen. Nicht jede Mahlzeit muss ernährungsphysiologisch glänzen und im schlimmsten Fall gilt: Es geht, was geht.
Manche Artikel haben diesen Beigeschmack, als müsstest du nur diszipliniert genug snacken, trinken, atmen und spazieren gehen, dann würde sich die Übelkeit schon beruhigen. Manchmal helfen diese Tipps und es reicht, ein paar Dinge umzustellen, um deinen Alltag mit Übelkeit etwas leichter zu machen. In anderen Fällen jedoch sind die klassischen Hausmittel nicht ausreichend. Manchmal bleibt die Übelkeit stark, zehrend und alltagsbestimmend, egal wie viele Cracker neben deinem Bett liegen. Dann brauchst du nicht noch mehr Durchhalteparolen, sondern wirksame medizinische Unterstützung. Wohin du dich wenden kannst und welche Möglichkeiten es gibt, schauen wir uns jetzt an.
Wenn Hausmittel nicht reichen: Wohin kannst du dich wenden, wenn du eine professionelle Beratung zu Medikamenten wünscht?
Manchmal ist die Schwangerschaftsübelkeit so stark, dass du etwas anderes brauchst als Hausmittel und gute Ratschläge. Dann ist es sinnvoll, dir medizinische Unterstützung zu holen und dich zu möglichen Medikamenten beraten zu lassen.
Erste mögliche Anlaufstellen können deine Hebamme oder deine Gynäkologin sein. Dort kannst du deinen Zustand schildern und mitteilen, wie sehr dich die Beschwerden belasten und im Alltag einschränken. Auch (d)eine Doula kann eine wichtige Ansprechpartnerin sein. Sie kann dich begleiten, dein Erleben einordnen, mit dir auf Warnzeichen schauen und dich bestärken, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn die Belastung zu groß wird.
Auch Apotheken können beraten, gerade wenn es um frei verkäufliche Präparate, Wechselwirkungen oder die richtige Anwendung geht. Wichtig ist dabei, dass du Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft nicht einfach auf gut Glück einnimmst, sondern dich fachlich beraten lässt.
Wenn dir übel ist, brauchst du nicht nur Tipps, sondern konkrete Entlastung im Alltag
Viele Tipps gegen Schwangerschaftsübelkeit richten sich direkt an dich: iss kleine Mahlzeiten, trink genug, ruh dich aus, geh an die frische Luft, etc. Das kann hilfreich sein, gar keine Frage. Aber wenn dein Alltag hochtourig weiterläuft und zig To-dos sich auf deiner Liste an Dringlichkeit überbieten – Arbeit, Haushalt, Termine, Einkauf, Kinder, Nachrichten, Wäsche, Essen, Partnerschaft, all der Mental Load – dann laufen sie oft ins Leere, bzw. können überhaupt nicht nachhaltig wirken.
Meiner Erfahrung nach ist Schwangerschaftsübelkeit nicht nur eine Frage von Zwieback, Tee und Disziplin deinerseits, sondern auch von Entlastung im Alltag. Wie kann die konkret aussehen?
Schwangerschaftsübelkeit und Alltag: Wer kann dich wie unterstützen?
Wenn du von Übelkeit und Erbrechen geplagt bist – und der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass das nicht nur bei Schwangerschaftsübelkeit gilt, sondern generell für Schwangerschaft, und noch viel genereller für Partner*innenschaft und Zusammenleben – dann dürfen Dinge anders laufen als vorher und du darfst weniger schaffen, früher Hilfe brauchen, Aufgaben abgeben, deine Prioritäten anders legen, Erwartungen herunterschrauben und dich und dein Wohlbefinden priorisieren.
Tatkräftige Unterstützung im Alltag ist goldwert. Wie sie konkret aussehen kann, ist ganz individuell; hier sind ein paar Leitfragen, an denen du dich orientieren kannst:
Vielleicht bedeutet Entlastung für dich, dass jemand anderes deine Einkäufe erledigt, weil der Supermarkt gerade eine einzige Geruchskatastrophe ist. Vielleicht bedeutet es, dass du dir öfter Essen von Freund*innen vorbeibringen lässt, weil dich das lange Stehen in der Küche anstrengt. Vielleicht bedeutet es, dass jemand dir morgens schon ein Glas Wasser, einen Snack oder deine Medikamente ans Bett bringt, damit du nicht direkt mit leerem Magen in den Tag stolperst.
Nimm dir mehrere Momente Zeit und schau: Was brauchst du? Und wer in deinem Umfeld könnte dich entlasten? Dann sprich die Menschen an, die dafür infrage kommen. Frage sie, ob sie dich unterstützen können und sag möglichst konkret, wobei.
Wichtig ist auch, für dich selbst und mit den Menschen, die dich unterstützen, transparent zu klären: Geht es um eine einmalige Aufgabe oder um etwas, das immer wieder anfällt? Brauchst du einmal Hilfe beim Einkauf oder wäre es entlastender, wenn jemand für die nächsten zwei Wochen regelmäßig mitdenkt, was im Kühlschrank fehlt? Geht es um eine einzelne Fahrt zu einem Termin oder um ein kleines Aufgabenpaket, das dich über einen längeren Zeitraum entlastet?
Schwangerschaftsübelkeit und Arbeit: Du musst nicht einfach weitermachen als wäre nichts
Wie kannst du, wie sollst du arbeiten, wenn dir (dauerhaft) übel ist?
Zunächst einmal hast du die Möglichkeit, mit deiner Arbeitsstelle über Anpassungen zu sprechen: mögliche Ideen wären hier z. B. andere Pausenzeiten, ein anderer Büroplatz, Home Office, weniger Kund*innenkontakt, keine Dienstreisen, ein anderer Einsatzbereich oder auch kein Einsatz in Bereichen, die deine Übelkeit massiv verstärken. (7)
Wenn jedoch dein Arbeitsplatz deine Übelkeit massiv verschärft und weder Anpassungen noch ein anderer Einsatzbereich ausreichend helfen, kann auch ein betriebliches Beschäftigungsverbot infrage kommen. Das ist zum Beispiel dann relevant, wenn durch deine Arbeit eine unverantwortbare Gefährdung für dich oder dein Kind entsteht und diese Gefährdung nicht anders vermieden werden kann. Wichtig ist hierbei zu beachten: Das betriebliche Beschäftigungsverbot hängt nicht von deinem Gesundheitszustand ab, sondern von der Arbeit, die du verrichtest. (8)
Ein ärztliches Beschäftigungsverbot hingegen wird von einer Ärztin oder einem Arzt ausgestellt, wenn deine Gesundheit oder die Gesundheit deines Kindes gefährdet sind, wenn du weiterhin arbeitest. Dafür bekommst du ein Attest, in dem steht, ob du ganz oder teilweise nicht arbeiten darfst, ob leichtere Tätigkeiten möglich wären oder ob verkürzte Arbeitszeiten infrage kommen. Wichtig ist: Dieses Attest kann nicht nur von Gynäkolog*innen ausgestellt werden, sondern grundsätzlich von allen Ärzt*innen.
Nicht immer geht es um ein Beschäftigungsverbot. Wenn du durch Übelkeit und Erbrechen akut arbeitsunfähig bist, kann auch eine Krankschreibung durch eine Ärztin oder einen Arzt infrage kommen.
Du musst mit Schwangerschaftsübelkeit nicht allein bleiben: Erfahrungsaustausch kann entlasten
Schwangerschaftsübelkeit kann einsam machen, vor allem dann, wenn um dich herum alle sagen: „Ach ja, das hatte ich auch ein bisschen.“ Oder: „Das geht bestimmt bald vorbei.“ Oder: „Hast du schon Ingwer probiert?“ Alles lieb gemeint, schon klar. Aber manchmal eben auch ziemlich weit weg von dem, was du gerade erlebst und brauchst.
Wenn dir den ganzen Tag schlecht ist, wenn Essen zum komplizierten Projekt wird, wenn du dich am liebsten auf der Couch einigeln möchtest, kann es unglaublich entlastend sein, mit Menschen zu sprechen, die nicht sofort relativieren, oder einen gut gemeinten Tipp parat haben, sondern die dir zugewandt zuhören und vielleicht sogar Ähnliches erlebt haben oder gerade erleben.
Erfahrungsaustausch unter Betroffenen kann ungemein helfen, weil du dann zum einen merkst, dass du weder allein, noch komisch, noch überempfindlich bist. Zum anderen kann er dich auch darin bestärken, dir adäquate Hilfe zu suchen und dir Empfehlungen zu Unterstützungsmöglichkeiten nennen. Manchmal ist genau das schon eine große Entlastung.
Sind Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft gefährlich?
Familienplanung.de, das öffentliche Informationsportal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), beschreibt Übelkeit und Erbrechen in den ersten drei Monaten als häufig und ungefährlich und listet einige der üblichen Tipps zur Eindämmung (siehe oben). (9)
Das heißt jedoch nicht – und ich werde nicht müde, das zu betonen – dass sich Übelkeit und Erbrechen nicht furchtbar anfühlen und zu deutlichen Einschränkungen in deinem Alltag führen können. Sie können zwar medizinisch zunächst unbedenklich sein und dich trotzdem körperlich, mental und emotional (sehr) belasten. Wann immer du das Bedürfnis hast, deine Schwangerschaftsübelkeit medizinisch abklären zu lassen, gehe dem bitte nach. Zögere nicht, deine Gynäkologin oder deine Hebamme über dein Befinden zu befragen und dir alle für dich nötigen Infos zu holen.
Sollte deine Übelkeit intensivere Formen annehmen und
dann ist definitiv eine ärztliche Abklärung notwendig. Es könnte sich um Hyperemesis gravidarum handeln, also eine schwere Form von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft.
Starke, ununterbrochene Schwangerschaftsübelkeit: Hyperemesis Gravidarum
Disclaimer: Das Thema Hyperemesis Gravidarum (HG) ist groß und im Rahmen dieses Blogartikels möchte ich ihm lediglich ein kurzes, informatives Kapitel widmen, weil es im Kontext von Schwangerschaftsübelkeit unbedingt erwähnt gehört. HG bekommt perspektivisch einen eigenen, ausführlichen Blogartikel.
Hyperemesis gravidarum ist eine ernstzunehmende schwangerschaftsbedingte Erkrankung, die zu Flüssigkeitsmangel, Gewichtsverlust und Stoffwechselentgleisungen führen kann und medizinische Unterstützung braucht. Laut dem ärztlichen Nachschlagewerk MSD Manual lässt sich HG unter anderem an folgenden Anzeichen erkennen:
Schwangere, die von HG betroffen sind, haben einen hohen physischen wie psychischen Leidensdruck und erfahren immense Einschränkungen in ihrem täglichen Leben. Oftmals ist eine Bewältigung des Alltags nicht mehr einfach möglich und ein Klinikaufenthalt muss zur Stabilisierung in Erwägung gezogen werden. Ich selbst litt an einer HG; meine Erfahrungen und meine Innenperspektive auf die Erkrankung kannst du in meinem Blogartikel „Ich wollte nicht mehr schwanger sein” – Warum Hyperemesis endlich ernst genommen werden muss nachlesen.
Du darfst Schwangerschaftsübelkeit richtig doof finden!
Viele Tipps und Ratgeber transportieren unterschwellig die Botschaft: Dir mag zwar hundeelend sein, aber hey!, freu dich doch, du bist schwanger, du bekommst ein Kind, deine Übelkeit dient einem höheren Ziel. Ich möchte dich ermutigen, dich nicht selbst klein zu machen und abzustrafen, sondern zu dir und deinem Empfinden zu stehen. Du musst deine Schwangerschaftsübelkeit weder elegant bewältigen, noch irgendjemandem beweisen, dass du dein Kind liebst. Du bist weder eine schlechte Schwangere, noch eine schlechte Mutter, wenn du die Schwangerschaftsübelkeit ätzend findest und offen und ehrlich darüber sprichst, mit dir selbst und mit anderen. Und ja, du darfst genervt und frustriert und sauer sein, du darfst weinen, du darfst Hilfe brauchen. Kurzum: Du darfst Schwangerschaft auch echt zum Kotzen finden.
Dass du mit solchen Gefühlen und Gedanken in einen inneren Konflikt gerätst, sagt null Komma null über die Legitimität deiner Gefühle aus. Vielmehr lässt es tief blicken in die engen gesellschaftlichen Normen, die vorgeben, wie eine Schwangere zu sein hat. In diesem Sinne kratzt dein dich-und-deine-Schwangerschaftsübelkeit-ernst-nehmen am ehesten an einer gesellschaftlichen Erwartung an die strahlende, immer glückliche Schwangere und sorgt für Irritationen.
Du bist hellhörig geworden und möchtest mehr über diese Dynamiken und Mechanismen verstehen? Mehr über das enge Korsett der “guten Schwangeren” liest du in meinem Blogartikel über Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft.
Achtung, Achtung: Schwangerschaftsübelkeit ist keine Mindset-Frage
Meine Klient*innen berichten mit immer wieder von haarsträubenden Aussagen, die ihnen von ihrem Umfeld, medizinischem Fachpersonal, aber auch Vertreter*innen meiner Doula-Zunft entgegengebracht werden. Die Bandbreite reicht von platt und abwertend wie „Dann musst du halt mal positiver denken“ und „So schlimm kann’s ja gar nicht sein, die Cousine meines Bekannten hat das auch überlebt“ über fiese suggestive Fragen wie „Na, wenn es Ihnen so schlecht geht, wollen Sie das Kind überhaupt?“ bis hin zu verschwurbelten und im Kern genauso bodenlosen Aussagen wie: „Sie müssen Ihre emotionalen Blockaden lösen, die die Übelkeit verursachen.“
Uff.
Um es unmissverständlich zu sagen: Das ist grober Unfug, der großen Schaden anrichten kann. Wir wissen unlängst, dass Körper und Psyche selbstverständlich in Verbindung miteinander stehen; aber daraus einen direkten Kausalzusammenhang zu basteln, um Schwangeren vorzuwerfen, sie seien selbst verantwortlich für ihre Schwangerschaftsübelkeit, ist nichts anderes als eine fragwürdige Psychologisierung, Medical Gaslighting und gewaltvolle Schuldzuschreibung. Und menschlich völlig daneben.
Auch Download-, Channeling- oder Manifestationstechniken, die mit großen Versprechen daherkommen, führen oft genau dorthin, wo es für Betroffene richtig bitter wird: in Schuldzuweisungen und Alleinlassen. Dann heißt es plötzlich, du hättest nicht tief genug gespürt, nicht konsequent genug manifestiert, nicht genug an dir gearbeitet oder die Botschaft deines Körpers nicht richtig verstanden.
Ganz entschieden: Nein. Schwangerschaftsübelkeit ist keine Mindset-Frage.
In meinem Blogartikel „Was ist eine Doula?“ findest du hilfreiche Fragen, die dich zumindest bei der Suche nach einer passenden Doula unterstützen können.
Fazit: Finger weg von fragwürdigen Idealvorstellungen – Selbstfürsorge konkret anpacken
Wir halten fest:
- Schwangerschaftsübelkeit ist kein persönliches Scheitern und kein Zeichen für eine negative Einstellung zu deiner Schwangerschaft. Du machst nichts falsch. Eine gesunde Lebensführung ist sinnvoll, auch und gerade in der Schwangerschaft. Aber bitte lass dir nicht einreden, dass du an deiner Übelkeit schuld bist, weil du dich vorher nicht gesund genug ernährt hast, nicht diszipliniert genug warst und nicht früh genug die richtigen Nahrungsergänzungsmittel eingenommen hast. Schuldzuweisungen sind null Komma null angebracht und bauen unnötigen Druck auf. Darüber hinaus nähren sie die Illusion, dass wir Schwangerschaft nur gut genug kontrollieren müssten, damit sie sich gesund und erwartungsgemäß entwickelt. Das ist nur bedingt zutreffend, vieles liegt außerhalb unserer Kontrolle.
- All deine Gedanken und Gefühle bezüglich deiner Schwangerschaftsübelkeit haben ihre Berechtigung und dürfen da sein. Sie machen dich weder undankbar, noch zu einem schlechten Elternteil. Umgib dich mit Menschen, die dir wohlwollend begegnen, dich halten und dich ernst nehmen. Alle anderen Kontakte dürfen zumindest für den Moment pausieren.
- Schwangerschaftsübelkeit braucht nicht nur Tipps, sondern konkrete Entlastung im Alltag. Unterstützung einzufordern ist keine Schwäche, ganz im Gegenteil. Es ist stark, ehrlich und selbstbewusst zu sagen: So geht es mir. Das brauche ich. Ich möchte da nicht alleine durch.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Schwangerschaftsübelkeit
Schwangerschaftsübelkeit ist häufig im ersten Trimester am stärksten, oft ungefähr zwischen der 9. und 12. Schwangerschaftswoche. Für viele Schwangere wird es danach langsam besser, häufig ab der 14. bis 16. Woche.
Bitte beachte jedoch: Schwangerschaftsübelkeit hält sich nicht immer an Lehrbuchverläufe. Sie kann früher beginnen, länger bleiben, zwischendurch nachlassen und dann wieder aufflammen.
Nein. Der Begriff „Morgenübelkeit“ hält sich zwar hartnäckig, ist aber irreführend.
Schwangerschaftsübelkeit kann morgens auftreten, aber genauso mittags, abends, nachts, in Schüben oder als zäher Nebel, der sich über den ganzen Tag legt. Für manche ist der Morgen tatsächlich am herausforderndsten, für andere hingegen sind es vielleicht die Abendstunden.
Du solltest Schwangerschaftsübelkeit definitiv ärztlich abklären lassen, wenn du dich stark belastet fühlst, häufig erbrichst, deutlich an Gewicht verlierst oder Essen und Trinken dir schwerfallen. Auch wenn du dich schwach, benommen, ausgetrocknet oder zunehmend krank fühlst, warte bitte nicht ab.
Ganz generell steht es dir jedoch immer frei, dich mit all deinen Fragen und Unsicherheiten an deine Gynäkologin, deine Hebamme oder deine Doula zu wenden, unabhängig vom Leidensdruck.
Die Wissenschaft unterscheidet hier klar zwischen üblicher Schwangerschaftsübelkeit und starken Verläufen bis hin zu Hyperemesis gravidarum.
Bei leichter bis moderater Schwangerschaftsübelkeit gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie dem Baby direkt schadet. Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft sind sehr häufig; sie betreffen laut RCOG bis zu 90 Prozent der Schwangeren und werden medizinisch vor allem dann kritisch, wenn sie zu Dehydrierung, deutlichem Gewichtsverlust oder stark eingeschränkter Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme führen. (11)
Übliche Schwangerschaftsübelkeit kann sehr unangenehm und belastend sein, ist aber meist vorübergehend und medizinisch zunächst unbedenklich, solange du ausreichend trinken, essen und deinen Alltag bewältigen kannst.
Hyperemesis Gravidarum ist dagegen eine schwere Form von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft. Sie kann dazu führen, dass du kaum Flüssigkeit oder Nahrung bei dir behalten kannst, deutlich an Gewicht verlierst, dehydrierst und eine adäquate medizinische Therapie benötigst.
Kurz gesagt: Schwangerschaftsübelkeit kann dich sehr belasten. Hyperemesis Gravidarum kann deinen Körper ernsthaft aus dem Gleichgewicht bringen und muss ärztlich abgeklärt werden.
Eine ausgewogene Ernährung ist in der Schwangerschaft sinnvoll, keine Frage. Aber wenn dir übel ist, verschieben sich oftmals Geschmack, Appetit und Verträglichkeiten so sehr, dass plötzlich nur noch wenige Lebensmittel funktionieren. Dann gilt erst einmal: Es geht, was geht.
Wenn du gerade nur Toast, Kartoffeln, oder Melone bei dir behalten kannst, ist das kein persönliches Scheitern. Wichtig ist, dass du überhaupt etwas essen und trinken kannst.
Medikamente gegen Übelkeit in der Schwangerschaft können möglich sein. Wichtig ist aber: Bitte nimm Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel nicht einfach auf eigene Faust ein, sondern lass dich fachlich beraten – zum Beispiel von deiner Gynäkologin, deiner Hebamme, einer Apotheke oder über Embryotox. Auf ihrer Webseite bietet Embryotox unabhängige Informationen zur Verträglichkeit von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit; dort findest du auch einen Link zur kostenfreien telefonischen Beratung.
Wenn du wegen Schwangerschaftsübelkeit nicht arbeiten kannst, sprich bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt und schildere konkret, wie stark dich die Übelkeit einschränkt, ob du häufig erbrichst, genug trinken kannst, Gewicht verlierst, Kreislaufprobleme hast oder deinen Arbeitsalltag kaum noch schaffst.
Je nach Situation können unterschiedliche Dinge infrage kommen: Anpassungen am Arbeitsplatz, eine Krankschreibung bei akuter Arbeitsunfähigkeit oder ein ärztliches Beschäftigungsverbot, wenn deine Gesundheit oder die deines Kindes gefährdet wäre, wenn du weiterarbeitest.
Quellenangaben
- Embryotox (o. J.): Emesis gravidarum / Hyperemesis gravidarum. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin. https://www.embryotox.de/erkrankungen/details/ansicht/erkrankung/emesis-gravidarum-hyperemesis-gravidarum/, abgerufen am 10.06.2026.
- Nelson-Piercy, C., Dean, C., Shehmar, M., Gadsby, R., O’Hara, M., Hodson, K. & Nana, M.; Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (2024): The Management of Nausea and Vomiting in Pregnancy and Hyperemesis Gravidarum (Green-top Guideline No. 69). BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology, 131(7), e1–e30. https://doi.org/10.1111/1471-0528.17739, abgerufen am 17.06.2026.
- Fejzo, M., Rocha, N., Cimino, I., Lockhart, S. M., Petry, C. J., Kay, R. G., Burling, K., Barker, P., George, A. L., Yasara, N., Premawardhena, A., Gong, S., Cook, E., Rimmington, D., Rainbow, K., Withers, D. J., Cortessis, V., Mullin, P. M., MacGibbon, K. W. et al. (2024): GDF15 linked to maternal risk of nausea and vomiting during pregnancy. Nature, 625, 760–767. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06921-9, abgerufen am 17.06.2026.
- Lee, N. M. & Saha, S. (2011): Nausea and Vomiting of Pregnancy. Gastroenterology Clinics of North America, 40(2), 309–334. https://doi.org/10.1016/j.gtc.2011.03.009, abgerufen am 23.06.2026.
- Ibid.
- Embryotox (o. J.): Emesis gravidarum / Hyperemesis gravidarum. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin. https://www.embryotox.de/erkrankungen/details/ansicht/erkrankung/emesis-gravidarum-hyperemesis-gravidarum, abgerufen am 12.06.2026.
- Bundesministerium der Justiz (o. J.): Gesetz zum Schutz von Müttern bei der Arbeit, in der Ausbildung und im Studium (Mutterschutzgesetz – MuSchG). Gesetze im Internet. https://www.gesetze-im-internet.de/muschg_2018/BJNR122810017.html, abgerufen am 19.06.2026.
- Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (o. J.): Welche Beschäftigungsverbote gibt es? Familienportal. https://familienportal.de/familienportal/familienleistungen/mutterschutz/welche-beschaeftigungsverbote-gibt-es--125138, abgerufen am 19.06.2026.
- Familienplanung.de (o. J.): Übelkeit und Erbrechen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). https://www.familienplanung.de/schwangerschaft/die-schwangerschaft/beschwerden-und-krankheiten/beschwerden/uebelkeit-und-erbrechen/, abgerufen am 12.06.2026.
- MSD Manual Professional Version (o. J.): Hyperemesis Gravidarum. Merck & Co., Inc. https://www.msdmanuals.com/professional/gynecology-and-obstetrics/antenatal-complications/hyperemesis-gravidarum, abgerufen am 13.06.2026.
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (2024): The Management of Nausea and Vomiting in Pregnancy and Hyperemesis Gravidarum. Green-top Guideline No. 69. RCOG. https://www.rcog.org.uk/guidance/browse-all-guidance/green-top-guidelines/the-management-of-nausea-and-vomiting-of-pregnancy-and-hyperemesis-gravidarum-green-top-guideline-no-69/, abgerufen am 20.06.2026.
